Zeiten des Abbruchs – Histotainment Park Adventon 2017

Mit glänzenden Augen hatte ich Anfang des Jahres einen Flyer des Histotainment Park Adventon in die Hände bekommen. Lebendiges Mittelalter, echt Handwerkskunst, ja die Rekonstruktion einer ganzen Mittelalterstadt nach originalem Methoden wurde versprochen. Aufbruch ins Mittelalter! 

Schnell fand ich eine Hand voll Gleichgesinnter, die mit mir die beschwerliche Reise in den tiefen Odenwald aufzunehmen bereit waren, nur um die mythische Stadt, die alle Grenzen der Zeit zu sprengen vermochte, mit eigenen Augen zu erblicken.

Eines wunderschönen Sommertages Ende Juli war es endlich so weit: Fünf wissbegierige Geschichtsfans zwängten sich bei über 30 Grad in einen kleinen schwarzen Polo – selbstverständlich ohne Klimaanlage, Karl der Große hatte schließlich auch keine als er Sachsen eroberte. Nach eineinhalb Stunden im Auto waren wir also geruchsmäßig bestens ans Mittelalter angepasst als wir auf den fast leeren Parkplatz einbogen. Nanu, dachten wir bei uns, so wenig Besucher trotz dieses spektakulären Projektes? Die Kultur geht doch vor die Hunde!

Noch ahnten wir nichts. Auf dem alten Bauernhausgelände, welches das Entrée für die mittelalterliche Stadt bietet, bestellten wir bei einer mittelalterlichen Wirtsdame eine deftige Biopizza. Schade eigentlich, dass der Naturschutz erst des 19. Jahrhunderts erfunden wurde. Recht progressiv, diese mittelalterlichen Adventonbewohner. 

Ebenso wie der Naturschutz hatte sich auch das Konzept des Fortschritts im Mittelalter – woran es auch gelegen haben mag – nicht wirklich durchsetzen können. Lustiger Zufall, gleiches gilt nämlich auch für das gepriesene Adventon. Und da sag mal einer Geschichte würde sich nicht wiederholen!

Kaum hatten wir die improvisierte Schleuse (aka Lattenzaun mit Schiebeschloss) zum Mittelalter betreten erschlich uns ein beklemmendes Gefühl der Unruhe. Statt einer dynamischen Atmosphäre des Aufbruchs, hämmernden Handwerkern und aufstrebenden Neubauten erwartete uns gähnende Einsamkeit, Gebäude im Verfall und Brennnesselgärten.

Eine halbfertige Kate stand gar zum Verkauf. Die gescheiterte Existenz versprach sogar die Möglichkeit der Abholung vor Ort. Servicewüste Mittelalter. Wo wir gerade beim Thema sind. Was genau ist eigentlich dieses Mittelalter? Eine historische Epoche? Brücke zwischen Antike und Neuzeit? Ein Lebensgefühl? Die Bewohner von Adventon halten es wohl mit dem berühmten Coke Zero Werbespot von Manuel Neuer: Ich bin alles, was du willst.

Du willst eine Einmannholzkate mit coolen Tiertotenschädel? Check

Du willst ein eigenes Wikingerboot ohne Fluss in fern und nah? Check

Du willst ein Wikingerdorf in Süddeutschland? Check

Du willst einen Mauerturm aber keine Mauer? Check, die Mauer malen wir einfach auf den Boden 

Du willst ein windschiefes Hexenhaus mit bunten Glasfenstern? Ja, warum eigentlich nicht?

Unser Spaziergang durch das verfallenen Gelände entwickelte sich zum Walk of Shame als wir drei zerrupfte Pfauen in einem versteckten Verschlag entdeckten. Die hehren Ziele der Adventongemeinschaft waren wohl der Realität anheim gefallen. So wich der Aufbruch dem Versuch des Erhalts und dieser war drei Jahre nach dem chicen Werbevideo zum Scheitern verurteilt.

 

Die einst so stolzen Pfauen zierten nicht lange das Städtchen. In zu kleinem Rahmen gehalten, werden die Vögel nämlich aggressiv. Mich lässt aber das Gefühl nicht los, dass dies nicht das einzige ist, was die Adventonbewohner außer Acht gelassen hatten.

Wie Gerippe streben die halbfertigen Holzbauten gen Himmel und zeichnen ein Bild des Niedergangs. Das Holz ist grau, die noch stehenden Häuser vernachlässigt, die einst blühenden Gärten verwildert. Kleiner Tipp seitens des Marketings, Namen machen Leute. Wie wäre es statt des Claims „Dabei sein, wie eine mittelalterliche Stadt entsteht“ mit „Dabei sein, wie eine mittelalterliche Stadt untergeht“, „Best of Krieg und Pest, mit dabei sein wenn ein Dorf ausstirbt“ oder „Scheitern für Dummies, warum ich doch lieber nicht im Mittelalter leben möchte“

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