Xantastische Abenteuer am Niederrhein

Mit Namen hatte es das Volk am Niederrhein nie so wirklich. Aus der einst stolzen, römischen Militärbastion Colonia Ulpia Traiana wurde im Mittelalter Troja, aus der mittelalterlichen Wallfahrtsstätte ad santos der moderne Stadtname Xanten. Immer wieder geriet die Vergangenheit der Vergessenheit anheim. Menschen siedelten sich an, Siedlungen wurden vernichtet, Soldaten zogen durch das Land. Doch der allgemeine Xantener ist ein zäher Bursche. So leicht lässt man sich hier nicht unterkriegen!

1.-3. Jahrhundert // Die Römerstadt – Spätrömische Dekadenz und lukullische Freuden im Archäologischen Park Xanten

Der Schlüssel zur Stadt liegt in seiner Vergangenheit. Die kleine Provinzstadt am Niederrhein fristete nicht immer ein verlorenes Dasein neben heutigen Metropolen wie Köln und Düsseldorf. Für eine kurze Zeit im 2. Jahrhundert blickten die Augen der Welt nach Xanten. In dem römischen Militärkastell lagerte die Erste Legion Kaiser Trajans, stets bereit das wilde Germanien ostseits des Rheins zu erobern. Der kriegswütige Kaiser, unter dem das römische Reich seine größte Ausdehnung erlangte, wusste um die strategische Bedeutung des Standorts am Rhein.

Im Jahr 99 verlieh er der Colonia Ulpia Traiana (CUT) den Stadtstatus. Während die Legionen auf dem nahen Fürstenberg thronten, entstand aus der kleinen Handwerksiedlung am Rheinufer eine römerzeitliche Boomtown. Der Handel florierte, städtische Strukturen entstanden und Menschen von nah und fern zog es in die neue Metropole. Köln? Ein Kaff! Wer etwas auf sich hielt, residierte in einer Stadtvilla in Xanten, besuchte das Amphitheater und genoss den städtischen Flair unter 10000 Einwohnern.

Nicht zu glauben? Überzeugt Euch selbst! Die über 70 Hektar große Stadtfläche ist heute Teil des Archäologischen Parks Xanthen. Wie zur Römerzeit können Besucher durch die Gassen schlendern, den Hafentempel besuchen oder in eine der berüchtigten Hafentavernen einkehren. Da schon während des 3. Jahrhunderts der Rhein am Hafen versandete, gab es nach der Zerstörung Xantens durch die Franken im 4. Jahrhundert keinen Grund die Stadt wiederaufzubauen. Im Laufe des Mittelalters entstand die Stadt an einem anderen Ort in der Nähe neu. Welch ein Glück! Auch wenn römische Stadthäuser, Tempel und Stadtmauer im Mittelalter als Steinbruch dienten, blieb genug erhalten, um die heutige Erinnerungsstätte zu erbauen.

Teilweise wurden Bauten nach wissenschaftlichen Erkenntnissen rekonstruiert oder archäologische Reste ausgegraben und ergänzt. Die Stadtmauer wird durch mehrere Meter hohe Büsche, die immer wieder von nach historischen Vorbildern neu erbauten Türmen und Toren durchbrochen wird, ersetzt. Das damals nach dem Vorbild Roms angelegte Straßennetz ist anhand von Gehwegen, die von Baumalleen flankiert werden, nachgestellt.

Unser Besuch des Archäologieparks begann mit einer kleinen Wanderung zum Amphitheater. Auf den künstlich ergänzten Tribünen hat man einen wunderbaren Blick über die ganze Anlage. Ganz in der Nähe des ehemaligen Hafens wurden einige römische Häuser rekonstruiert. Die sogenannten Streifenhäuser besaßen eine Front mit Ladengeschäft oder Werkstatt. Im langgezogenen, hinteren Bereich befanden sich vermutlich Wohn- und Arbeitsräume. Bei den heißen Temperaturen über 30 Grad, gönnten wir uns eine kleine Abkühlung in den gut isolierten Lehmhäusern.

Direkt gegenüber befinden sich die Hafentaverne und eine Herberge mit kleiner Therme. Ein eindeutiger Wink des Schicksals! Wie einst die Römer, die nach einer langen Reise im Hafen ankamen, kehrten auch wir in der Herberge ein und gönnten uns römisches Lorbeerbrot mit frischem Gemüse und Frischkäse. Schade, dass die original rekonstruierten Thermen nur zum Anschauen sind. Nach der deftigen Mahlzeit im sonnigen Innenhof der Herberge, hätten wir uns ein Bad im Trepidarium gut vorstellen können.

Stattdessen erfüllten wir ein anderes Grundbedürfnis jeden überzeugten, römischen Bürgers: wir besuchten den Tempel. Der Hafentempel mit seinen Kollonaden zählt heute zu den Highlights des Parks. Im 2. Jahrhundert spielte er aber gegenüber dem zentral gelegenen Kapitol nur eine untergeordnete Rolle. In diesem Zentraltempel verehrte man die wichtigsten Reichsgötter: Göttervater Juppiter, Juno und Minerva. Vom ehemaligen Stadtzentrum der CUT, zu dem Kapitol, das Forum und eine große Basilika zählten, hat sich leider gar nichts erhalten.

Da wir zwangläufig auf eine ordentliche Shoppingtour im römischen Forum verzichten mussten, wendeten wir uns der zweiten Badeanlage zu. Über der Ausgrabung der öffentlichen Thermen wurde 2008 ein Schutzbau errichtet. Dieser orientiert sich visuell an dem möglichen Aussehen der Thermen in der Römerzeit. Das Baden war römische Bürgerpflicht. An freien Tagen schnappten sich Mann und Frau (natürlich sittlich getrennt) Handtuch und Badeöl, um der Körperhygiene zu frönen.

Direkt angeschlossen an die Thermen befindet sich heute das Römermuseum. Die Ausstellung widmet sich der Geschichte der Römer in Xanten vom ersten Legionslager Vetera aus dem 1. Jahrhundert über die Blütezeit im 2. Jahrhundert bis zur Zerstörung der Stadt durch die Franken im 3. Jahrhundert.

Die fränkischen Kulturbanausen hatten nicht viel über für die Errungenschaften der römischen Kultur. In kleinen Gehöften siedelten sie sich nach der Eroberung der Region um 280 außerhalb der Stadt an. Thermen, Forum, Tempel, Amphitheater – für den gemeinen Franken kein Quell lukullischer Freuden oder gar spätrömischer Dekadenz, sondern eher Steinbruch für stümperhafte Hofbauten und verstreute Verteidigungsanlagen. Das frühe Mittelalter war eine wilde Zeit! Man vergaß nicht nur ordentlich zu feiern und zu genießen, sondern auch zu schreiben. Wer in den alten Ruinen einst wohnte, wusste nicht einmal mehr Großvater. Bis ein findiger mittelalterlicher Autor auf eine geniale Idee kam!

4.-9. Jahrhundert // Die Siegfriedstadt – Einfache Römer? Kennen wir hier nicht!

Irgendwie schaffte es die nunmehr kleine Stadt am Niederrhein immer wieder sich in die Wirren der ganz großen Geschichte zu begeben. Der Held des größten deutschen Sagenepos? Ganz klar: ein Xantener Bürger. Laut dem Nibelungenlied wurde der Drachentöter Siegfried im 5. Jahrhundert im Xanten geboren. Als Sohn des Königs Siegmund herrschte er in der „burge [..] bi dem Rine div was ze Santen genant“ über das Niederland. Einen historischen Nachweis gibt es für fast nichts, was im Nibelungenlied steht, aber die Sage um Siegfried klingt immerhin noch weit realistischer als die Geschichte, die uns das Anno-Lied aus dem 12. Jahrhunderte auftischen möchte.

An dieser Stelle kommen wir wieder auf die Großväter zurück. Denn ohne die Beherrschung von Schriftlichkeit haben sich im Frühmittelalter einige historische Halbwahrheiten durch die mündliche Überlieferung tradiert. Aus Opas Geschichte von der Colonia Ulpia Traiana wurde im Laufe der Zeit und eine Lautverschiebung später die Legende der Trojaner. Und jetzt wird es ganz verrückt.

Als die mittelalterlichen Gelehrten von diesen Trojanern am Rhein Wind bekamen, wurde ihnen eines gleich klar: die antiken Trojaner lebten am Fluss Xanthos, die mittelalterlichen Trojaner in der Stadt Xanten. Das kann kein Zufall sein! Den Franken kam diese Erkenntnis genau zupass. Wer ist schon dieser Karl der Große, wenn ihre wahren Wurzeln doch in Troja liegen? Die fränkischen Gelehrten erklärten Xanten flux als Gründung Trojas und stellten sich damit auf dieselbe Stufe wie die Römer, die ihren Gründungsmythos ebenfalls auf die Trojaner aufgebaut hatten. Nimm das, byzantinischer Kaiser!

Doch Siegfried und die Trojaner sind nicht die einzigen Sagengestalten, die sich in Xanten getummelt haben sollen. Auch die legendäre Helena, Mutter des ersten christlichen Kaisers Konstantin, konnte sich der magischen Anziehungskraft Xantens offenbar nicht entziehen. Wie ein Maulwurf wühlte sich die fromme Christin im 4. Jahrhunderte durch antike Grabanlagen vom Atlantik bis nach Indien. Dabei förderte allerlei verloren geglaubte Heilige und Märtyrer zu Tage. Unter den illustren Kreis um die Drei-Heiligen-Könige, dem Apostel Matthias, den heiligen Gereon und Mauritius gesellten sich – bei dem historisch natürlich nicht verbürgten Aufenthalt in Xanten – auch die heiligen Mallosus und Viktor. Doch während Mallosus schon bald in Vergessenheit geraten sollte, kennt heute noch jedes Kind in der Rheinstadt den heiligen Viktor.

10.-16. Jahrhundert // Die Domstadt – Unter der Knute Kölns

Mallosus, der im frühen Mittelalter noch zu den Top-Heiligen zählte, geriet im Hochmittelalter zugunsten seines alten Soldatenkumpels Viktor aus dem Fokus der lokalen Verehrung. Beide Legionäre waren der Legende nach im Xantener Kastell wegen ihres christlichen Glaubens um 300 hingerichtet worden.

Um das im 9. Jahrhundert gegründete Viktor-Stift ad sanctos (dt. bei den Heiligen) entstanden im Mittelalter endlich wieder ernstzunehmende städtische Strukturen. Mit dem Wallfahrtskult um den Heiligen Viktor setzte ein mittelalterlicher Touristenstrom ein, der Geld in Kassen der kleinen Siedlung spülte und diese stetig anwachsen ließ.

An die stolze Bevölkerungszahl der Römerstadt kam die kleine Mittelalterstadt aber längst nicht mehr heran. Die Bischofsburg und der mächtige Dom inmitten der Stadt zeigten deutlich, wer hier das sagen hatte: der Kölner Erzbischof. Köln war längst kein Kaff mehr. Der mächtige Erzbischof herrschte nun auch über die etwa 3000 verbliebenden Trojaner am Rhein. Mit dem Bau des gewaltigen Doms und der trutzigen Burg wollte er seinen größten Widersachern um die Stadt, den Grafen von Kleve, zeigen, wer hier der Chef ist.

Jahrhundertelang dauerte der Bau des romanisch-gotischen Dombauprojekts an. Die Klever Grafen zeigten sich wenig beeindruckt und kämpften fleißig weiter für ihr Recht auf die Stadt. Noch bevor der Dom im 16. Jahrhundert fertig gestellt werden konnte, fiel Xanten mit der Soester Fehde endlich an Kleve. Somit ist der Dom eigentlich nie ein Dom gewesen.

Um 1600 schließt sich auch der Kreis um das Xantener Namenswirrwarr. Etwa in dieser Zeit setzte sich der Name Xanten, abgeleitet von der Bezeichnung ad sanctos, durch.

Faszination für das Fantastische

Xanten ist ein Ort, an dem sich Geschichte und Legende wie in kaum einer anderen deutschen Stadt, untrennbar miteinander vermischen. Die gewaltigen Ruinen der Römerzeit haben die Menschen des Mittelalters in Staunen versetzt und dazu angeregt, Erklärungen für diese nicht mehr greifbare Kultur zu finden. Sagenhafte Gestalten wie Siegfried, Helena und die Trojaner überbrücken die kulturelle Wissenslücke der Völkerwanderungszeit. Fantasie und Glaube ersetzen tradiertes Wissen. So lässt sich die Geschichte Xantens heute nie ganz ohne ein kleines Märchen erzählen, was zu einem ganz kleinen Teil Wirklichkeit wurde.

 

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