Wider dem Klischee, oder: mein Schnuppertag im Bordell

Die Geschichte der Besiedelung des Westens erzählt von einer rauen, entbehrungsreichen Zeit. Wagemutige Entdecker, von Neugier getrieben, ohne Angst vor der feindseligen Wildnis, schlugen erste Schneisen der Zivilisation in das weite Land. Gefolgt von Abenteurern und Goldgräbern, die ihr Glück in der neuen Welt suchend, oft im Strudel der Geschichte untergingen.

Ihrer gedenkt die moderne Folklore mit Westernfilmen und Kitschromanen. Figuren wie der wortkarge Cowboy, die Bordellbesitzerin mit dem Herz aus Gold, der kreuzdumme Deputy oder die einfache Siedlerfamilie zeichnen das Bild der harten, aber gerechten im Aufbruch befindlichen Gesellschaft: ein klischeebehaftetes Ideal.

Eine viel größere Last als Indianerüberfälle und gewitzte Banditen dürfte für die erste Generation der Siedler im 19. Jahrhundert die bittere Armut gewesen sein. Armut, Kälte und Tod. Die ersten Tage am Ende der Welt verbrachten die Menschen in niedrigen Hütten aus Lehm-Kuhscheiße-Ziegeln oder in zugigen, grob gezimmerten Holzblockhütten. Das wärmende Feuer in den kleinen Einzimmerkaten brachte Familien, mit einer Kohlenmonoxidvergiftung, regelmäßig den Tod. Lungenentzündung, Tuberkulose, zahllose Schwangerschaften, Hunger, Erschöpfung – der Tod stand immer auf der Türschwelle. Wer seinen vierzigsten Geburtstag feierte, zählte längst zu den Greisen.

Einer von etlichen Orten im Westen, die diese Geschichte teilten, ist Wallace. Die kleine Minenarbeiterstadt in den Bergen Idahos zählt zum National Historic Register der USA. Die städtischen Damen nutzten die Registrierung in den 80er Jahren, um der Versetzung der Stadt im Zuge des Autobahnbaus zu entgehen. Ein cleverer Schachzug.

Der Regierung blieb nichts anderes übrig als die Interstate aufzubocken und um Wallace herumzuführen. Von der Ursprünglichkeit der alten Bergarbeitersiedlung hat sich dadurch viel erhalten. Denn Denkmalsgeschützte Objekte dürfen nicht verändert werden, Neubauten sind nicht gestattet. Die Zeit ist in Wallace so seit den 80er Jahren stillgestanden.

Die Gebäude versprühen den maroden Charme vergangener Epochen. Wenn auch die Minen längst stillstehen, lebt die Stadt von ihrer Vergangenheit. Einst schürfte man hier die größte Menge an Silber in den ganzen USA. Repräsentative Gebäude zeugen stolz von der glanzvollen Zeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Minenarbeiter profitierten kaum von dem Reichtum, den sie schürften. Für mehr als eine kleine, ärmliche Wohnung in der Stadt reichte der Stundenlohn von kaum 10 Dollar kaum aus.

Auf die Männer wartete die gefährliche Arbeit in den tiefen Schächten unter dem Berg. Ohne wesentliche Sicherheitsvorkehrungen war das Leben unter Tage ein tägliches Wandeln auf Messers Schneide.

Die Frauen teilten das schwere Schicksal. Früh verheiratet hatten sie oft eine große Kinderschar zu bändigen, in Zeiten als Kindbettfieber zu den häufigsten Todesursachen zählte. Wer aus dem Raster herausfiel, unverheiratet war, auf den wartete ein noch viel härteres Los. Die Geschichte dieser Frauen konserviert das Oasis Bordello Museum.

Zu seinen Hochzeiten zählte Wallace ganze acht Bordelle. Nur eines überlebte den Silbergräberboom. Noch 1988 arbeiteten drei Prostituierte im Oasis Bordello. Natürlich im Geheimen, denn von je her ist die Prostitution in den USA verboten.

Mit einer Führung gelangt man heute in die Räumlichkeiten. Offiziell führte die Puffmutter eine Bar in der oberen Etage. Einmal im Jahr mussten sie für ein paar Monate verschwinden mussten, wenn sich ein Regierungsabgesandter zur Prüfung der „Bar“ ankündigte.

Wie Perlen an einer Schnur reihen sich die winzigen Arbeitsräume der Huren an einen langen, dunklen Flur. Bis zu acht Damen und ihre Freier mussten sich das kleine Bad mit Badewanne teilen.

Ein beklemmendes Gefühl versprühen die ärmlichen, mit billigem Tand ausgestatteten Räume bis heute. Teilweise wochenlang lebten die Frauen dort eingepfercht mit bis zu 30 Freiern am Tag. Das Gebäude zu verlassen war ihnen nicht gestattet. Gut verdient hat man trotzdem, verkündete unsere Führerin joval.

Den amerikanischen Traum hätte ich mir wahrscheinlich anders vorgestellt. Für die wenigsten waren die frühen Tage des wilden Westens ein romantisches Abenteuer.

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