Wandern EXTREM, oder: Groose Mountain – Vancouvers sportliche Kampfansage

Der Berg ragte wie eine Steilwand vor uns auf. Nur mit tief in den Nacken gelegten Hinterkopf konnten wir seine einsame Spitze erblicken. Über 750 Höhenmeter trennten uns voneinander. In unseren modern quietschbunten Sportklamotten – deutlicher kann man sich selbst nicht als deutscher Tourist enttarnen – marschierten wir noch frohgemutes gen Wanderweg. Bergmanns Heil, auf geht’s! Das Erklimmen des Groose Mountain nördlich von Vancouver ist eine sportliche Herausforderung. Ich könnte jetzt behaupten, eine Herausforderung, der wir uns unbedingt stellen wollten. Das wäre aber nur die halbe Wahrheit. Der deftige  Preis für die Gondelfahrt nach oben spielte auch eine kleine Rolle.

Da wir nach unserem Bemessen je mit einem halben Cinnamon-Bun ordentlich gefrühstückt hatten, war es keine große Kunst Jenni zu überreden einfach den Wanderweg zu nehmen. Sollte auch nur etwa 1,5 Stunden dauern. Und was für 1,5 Stunden!

Über 2000 Stufen, mal aus Fels gehauen, mal in das Wurzelwerk der Nadelbäume geschlagen, meisterten wir. Und als wir das Gefühl hatten, bald müssten wir das Ziel erreicht haben, erschien endlich ein Schild: Sie haben ¼ der Strecke geschafft! Wenn Blicke töten könnten, hätte ich in dem Moment lieber nicht Jennis Augen geschaut. Aber ich fand, die wahrscheinlich einzigen Worte, die die Situation entschärfen konnten und verkündete fröhlich: „Ich lauf` schon mal vor!“

Im Nachhinein weiß ich nicht, was eigentlich das größere Abenteuer war. Die sportliche Challange oder das Beobachten der mitwandernden Sportsgemeinde. Eine Zeitlang lief ich hinter einem älteren Herren hinterher, der sich stark schwitzend über den Müll am Wegesrand aufregte. Dabei war er so klapprig, dass ich befürchtete, von ihm mit den Abgrund gerissen, selbst zu Müll am Wegesrand zu werden. In einem günstigen Moment überholte ich und geriet flux in eine asiatische Großfamilie.

Aus irgendeinem sadistischen Grund mussten von Säugling bis Greis alle Familienmitglieder mitwandern. Hatte ich bereits erwähnt, dass es verboten ist den Weg zurückzugehen? Wer den Wanderweg antritt, muss ihn auch beenden. Dem arg pummeligen Teenagerjungen der Familie war das wahrscheinlich nicht mitgeteilt worden. Anders kann ich mir seinen tränenreichen, emotionalen Zusammenbruch nicht erklären. Während ich an ihm vorbeizog wurde ich selbst von einer grimmig dreiblickenden Gruppe Ultrasportler überholt, die den Berg regelmäßig als Sportevent laufend erklimmen. Hab eigentlich nur ich das Gefühl, dass sportlicher Ehrgeiz immer irgendwie mit absoluter Humorlosigkeit einhergeht?

Viel Zeit darüber nachzudenken hatte ich nicht mehr, denn die Bergspitze nahte. Eine Art Naturerlebnispark wollte nun erkundet werden. Und mal ganz ehrlich, wer würde keinen Berg erklimmen, wenn er nicht am Ende geiles Ziplining machen kann. Der richtige Adrenalinkitzel kommt erst noch! Aus dem Rutsch- und Schaukelalter sind wir aber raus.

Daher entschieden uns für die aufregende Vogelschau. Ganze vier verschiedene Vogelarten wurden uns in einem spektakulären Setting präsentiert.

Eulen, Falken, noch andere und so weiter – die Welt der Vögel ist so vielfältig, wie in meinen Augen langweilig. Der Ranger gab sich erheblich Mühe diese Könige der Lüfte in bestem Licht dastehen zu lassen.

 

Auch wenn Falke Judge Dredd und Eule Danearis eher schlechte Laune hatten, blieb es für Groß und Klein ein erinnerungswürdiges Erlebnis als Seeadler George dem sichtlich nicht begeisterten Ranger seinen Hut klaute und eine glatt polierte Glatze offenbarte. Aber genug der Aufregung.

 

Ein besonderes Highlight waren die zwei Braunbären, die sich in einem weitläufigen Gehege sonnten und im Wasserplanschten. Die beiden Bären-Rentner verbringen dort ihren Lebensabend und schienen sich ganz wohl zu fühlen. Noch schnell den beiden Maestri Petz auf Wiedersehen gesagt und schon ging es mit der Gondel wieder bergab.

Mit ein wenig Wehmut verließen wir das Stadtgebiet Vancouvers. In dieser sympathischen Stadt hätten wir gerne noch etwas Zeit verbracht. Nun galt es sich aber neuen Zielen zuzuwenden. Durch den dichten Großstadtverkehr hindurch zwängten wir uns in Richtung Osten, direkt auf die Rocky Mountains zu. Die legendäre Bergkette war noch lange nicht am Horizont zu erkennen als wir hinter dem Städtchen Hope abbogen.

Bei den Othello Tunnels legten wir eine kurze Rast ein und informierten uns über die Geschichte der kanadischen Eisenbahn. Die Tunnels waren Teil einer in den 1880ern geplanten Eisenbahn, die Bergbaugebiete an die neu entstehende Infrastruktur des Staates anschließen sollte. Zur Umsetzung der Pläne kam es durch die amerikanische Konkurrenz aber nie. Heute laden die dunklen Tunnel mitten in der Wildnis zu einem kurzen Spaziergang ein.

Hinter Hope wandelte sich die Landschaft von dichtem Nadelwald langsam zu einer steppenartigen Gegend. Die Umgebung von Kamloops ist für den Anbau landwirtschaftlicher Produkte und Wein bekannt. Es wurde 1812 als Handelsposten der Hudson’s Bay Company gegründet. Das war uns als wir abends unser Motel erreichten aber erstmal alles egal. Wir ließen alles stehen und liegen und entspannten unsere müden Knochen im moteleigenen Schwimmbad mit Sauna.

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