Port Townsend und San Juan Islands – Viktorianischer Charme am Ende der Welt

Es gibt wohl kaum Ereignisse die mehr überschätzt werden als Himmelsphänomene. Sonnenfinsternis, Mondfinsternis und „Eclipse“ werden in den Medien als einmalige Wunder angekündigt. Schlagzeile „Erst wieder in 200 Jahren kann dieses faszinierende Phänomen in einem abgelegenen Urwalddorf in Neu-Guinea beobachtet werden“ oder „Forscher sprechen von einem außergewöhnlichen Ereignis deren wir gesegneten Zeitgenossen Zeuge werden“.

Nun ist seit der Himmelsscheibe von Nebra, die von bis ins Mark beeindruckten Menschen der Bronzezeit in grauen Vorjahren gefertigt wurde, einige Zeit ins Land gegangen. In meiner bescheidenen Lebenszeit war ich mehrfach Zeuge davon, wie sich ein Schatten, Mond oder was auch immer vor die Sonne schob. Tiefe Nacht wurde es nie, meist war es bewölkt und eigentlich halte ich das ganze soundso für einen Marketinggag der Brillenindustrie.

Es wunderte mich also nicht als wir bereits zwei Tage zuvor auf der Autobahn anstatt der üblichen Verkehrsinfos die Ausfahrt zum besten „Eclipse“-Viewpoint angezeigt bekamen. Ganz Amerika war gespannt. Vielleicht ist doch Independence Day.

Mir machte das Schicksal auch dieses Mal einen fetten Stick durch die Rechnung. Denn am Höhepunkt der Eclipse fuhren wir auf der Fähre von Port Townsend zu den San Juan Islands in einen dichten Nebel ein. Ende im Gelände. Aber wenigstens haben wir uns nicht die Augen verbrannt wie der amerikanische Präsident. Eine Amtserhebung verleiht eben doch nicht automatisch Superkräfte. Und unendlich lang ungeschützt in die Sonne starren wäre auch gar keine so coole Superkraft. 

Der dichte Nebel war ein treuer Begleiter bei unserer Reise durch den nordöstlichsten Zipfel der USA. Bald sollte er durch Waldbranddunst abgelöst werden. Aber erst einmal begann der Tag bei wunderschönem Sonnenschein in Sequim. Bei dem strahlenden Himmel machte sogar unser heruntergekommenes Motel etwas her. Angesichts der hygienischen Gesamtsituation brachen wir früh auf und waren bei Sonnenaufgang im viktorianischen Städtchen Port Townsend.

Bei unserer Ankunft verzog sich der Nebel langsam. Während die Stadt erwachte spazierten wir durch die romantische Altstadt. Die historischen Häuserfassaden und kleinen Geschäfte versprühen einen ganz unamerikanischen Charme.

Besagte Fährfahrt dauerte ganze dreißig Minuten. Die Grenzüberquerung nach Kanada und „Shopping“ waren unsere heutigen Attraktionen. Über mehrere Inseln düsten wir in unserem roten Blitz gen Festland.

Die Gegend bis zur Grenze war überraschend gepflegt und landwirtschaftlich geprägt. Immer wieder querten wir Nebelschwaden trotz der strahlenden Sonne am Himmel. Seltsame Gegend.

Richtig dunkel wurde es trotz anhaltender Eclipse nicht, eher schwummerig. Viel mehr als endlose Obst- und Kartoffelfelder blieben uns nicht in Erinnerung.

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