Olympic Nationalforest – Aufbruch zur waldigen Halbinsel ganz im Westen der USA

Bei meiner vierten Reise in die USA kann man mittlerweile von einer Tradition sprechen. So gut man auch im Vorfeld plant, alle Gefahren abwägt und viel Zeit für Umsteige einplant – die Bahn hält doch immer wieder eine Überraschung bereit.

Natürlich war es schon fast todesmutig von mir vor einem Langstreckenflug eine Bahnverbindung mit sage und schreibe drei Umsteigen zu buchen, aber hey: Für 30 Euro Heidelberg – Köln hin und zurück müssen meine Nerven mal etwas leiden. Und Platzreservierungen sind was für Pussies ohne Ellenbogen. Wozu bin ich denn bitte jahrelang Schulbus gefahren?

Fazit meiner emotionalen Achterbahnfahrt gen Flughafen: Drei Züge mit Verspätung, eine Stunde stehen im ICE, von Kindern mit „Ich zähle bis hundert“ bespaßt, Frühstück auf den Boden fallen lassen, WLAN kaputt und ein spontaner Zugwechsel. Und die größte Überraschung: Trotzdem nur zehn Minuten zu spät. Wir hatten also noch ganze zwei Stunden Zeit uns am Gate zu langweilen. Danke, Deutsche Bahn!

Unser Direktflug nach Seattle mit Eurowings bedeutete nur eine kleine, neunstündige Verschnaufpause bis zum nächsten Aufreger. Nachdem wir dem üblichen Trubel am Flughafen entkommen sind, suchten wir das jenseits des Atlantik völlig unbekannte Europcar in den Wirren des SeaTac Seattle.

Kurz vorm Verzweifeln bemerkten wir einen niedlichen kleinen Hinweis in einer der duzenden Mails, der uns auf den amerikanischen Mietwagengiganten EZ-Car verwies. Jenni schöpfte bei der Schlange von vier Leuten am Schalter schon Hoffnung, wir könnten bald unsere Autoschlüssel in den Händen halten. Aber als alter Mietwagenhase war mir klar: mindestens 1,5 Stunden.

Es wäre auch fast eine Punktlandung gewesen. EZ-Car waren nämlich die SUVs ausgegangen. Das deutsche Paar Mitte 40 vor uns machte dem Image der unsympathischen Deutschen alle Ehre, beschimpfte die Dame am Schalter und zog wütend gen Manageroffice. In der Schlange machte sich Unruhe breit: „Keine SUVs? Ich habe doch aber schon bezahlt!“ oder „Ein kleineres Auto kann ich mir nicht vorstellen.“ Das war unsere Chance! Wir schritten bestimmt zur Theke, setzten unser nettestes Lächeln auf und bestätigten der erleichterten Dame, dass wir keinen SUV wollten. Keine viertel Stunde später fuhren wir mit unserem fast neuen Hundai Elantra gen Aberdeen.

In dem bezaubernden Geburtsort Kurt Cobains statteten wir dem – in unseren Augen – einzigen Highlight neben dessen Geburtshaus einen Besuch ab: Gegen frühen Abend war im lokalen Walmart kaum etwas los, als wir uns mit allerlei Lebensmitteln und Gebrauchsgütern für unseren Roadtrip ausstatteten. Jenni als USA-Neuling war begeistert von dem ausufernden Angebot wie einer pinken Schusswaffe, hunderten Softdrinks und dem Typen, der die Einkaufstüten packt.

Aberdeen liegt zwar auf der Olympic Peninsula aber bis zum National Forest waren es noch ein paar Meilen. Gut gejetlaged starteten wir unseren Roadtrip also schon um sieben Uhr morgens. Eines will mir einfach nicht in den Kopf. Wieso ist das Tanksystem in den USA eigentlich so komplex und was soll das mit der Postleitzahl? Nach einer kleinen Odyssee an der Tankstelle ließen wir die belustigten Tankstellenangestellten hinter uns.

Mit dem Passieren der Grenze des Olympic National Forest erwartete uns auch der legendäre Nebel über der Halbinsel. An einem der Strände, die sich wie Perlen an einer Kette an den Highway 101 schnüren, machten wir eine kleine Rast. Einladend war es hier wirklich nicht; eher kalt, neblig und etwas gruselig.

Also weiter zum Hoo Rain Forest. Der Regenwald zählt zu den absoluten Highlights der Halbinsel. Die Wassertropfen an den moosbedeckten Bäumen glitzern wie Diamanten in der Sonne. Laut Fotos aus dem Internet. Wir erlebten leider eine Trockenphase und uns erwartete ein eher brauner als grüner Wald. Hilft ja nichts, wir wanderten trotzdem etwas umher und genossen die frische Waldluft und die Einsamkeit.

Forks, die berühmte Stadt aus den Twilight-Romanen, durchquerten wir schnell. Mein Fazit: Ein wenig Twilight, viele Hillybillies, noch mehr Nebel, „Hier will ich nicht tot übern Zaun hängen“-Feeling und „Wenn ich Triebtäter werden wollte, würde ich hier wohnen“.

Bisher keine besonders attraktive Ausbeute im Olympic National Forest. Aber je nördlicher wir kamen, desto mehr Sonne zeigt sich am Himmel. Entlang der Route zum westlichsten Punkt der USA im Norden der Halbinsel reihen sich ein paar schöne, kleine Ortschaften an die Straße. Mit Blick auf Vancouver Island folgten wir der Küstenstraße. Unsere Hoffnung auf Walsichtungen, ein kleiner Delfin oder eine Robbe hätte es auch getan, blieb leider unerfüllt.

Sichtweiten unter 50 Meter erwarteten uns auf der Zufahrtsstraße zum westlichsten Punkt der USA. Regen, Sonne, Nebel und Regenbogen –  das Wetter hatte sich ein spannendes Nachmittagsprogramm ausgedacht. Völlig unerwartet – vor allem für die Amerikaner unter den Touristen – lag der Parkplatz nicht direkt am westlichsten Punkt. Eine Meile steiler Wanderweg trennten uns. Kein Problem für uns und Horden an Asiaten.

An einem Aussichtspunkt sahen wir einen Seeadler auf einem Felsen im Meer sitzen. Leider zu neblig für die Kamera. Trotz des Nebels ein schöner Ort mit Ausblick auf den Pazifik und die wilde Küstenlandschaft. Sicher auch für Ornithologen interessant. Ich persönlich finde Vögel ja ziemlich langweilig, aber das ist ein anderes Thema.

Von nun an war unsere Unterkunft in Sequim unser Ziel. Bei wunderschönem Sonnenschein zeigte sich die Nordküste der Halbinsel von ihrer besten Seite.

Gleiches galt leider nicht für unser Motel. Widerlich wäre wohl noch eine schmeichelhafte Bezeichnung. Ungeputztes Bad mit Haaren und Fliegen, dreckige Bettwäsche, zahnloses Personal (vielleicht aus Forks rekrutiert?) und verdreckte Wände. Wären wir nicht völlig kaputt gewesen, wären wir hier nie eingezogen. Da hilft nur noch Frustfressen. Eine fette Bacon-Pizza und die neue Folge „Game of Thrones“ entschädigten uns ein ganz kleines bisschen. 

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