Gletscher, Berge, Touristen und wir

Malerischer Täler, eisbedeckte Berge und einsame Bergseen. Kanada steht für eine Reise in die Natur und Abgeschiedenheit. Das dieses Bild zur Hauptreisezeit im Sommer etwas trügen mag, war auch uns klar. Der clevere Deutsche steht früh auf und ist den anderen immer einen Sprung voraus. Von wegen!

Unsere zwei Tage im Jasper und Banff National Park lassen sich in einem Wort ausdrücken: WARTEN. Ob im Tim Hortons an der Kasse, auf dem Wanderweg oder auf der Straße. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber wir standen tatsächlich auf einem drei Kilometer langem Wanderweg im Stau und schoben uns wie zur Primetime auf den städtischen Autobahnen langsam durch die Menschenmassen.

Dabei hatte diese Reiseetappe eigentlich vielversprechend begonnen. Bereits um 6.30 Uhr brachen wir an unserem idyllischen Übernachtungsort in das pitoreske Touristenstädtchen Jasper auf. Kleine Berghütten aus massivem Holz, Blumendekor und das nahe Bergpanorama versprühen alpinen Charme.

ENTTÄUSCHUNG #1: In einem Forum hatte ich gelesen, dass wir für das Permit den Mount Edith anfahren zu dürfen bereits früh morgens am Visitor Center sein sollten. Um Punkt 7 Uhr begann der Verkauf. Um Punkt 7.10 Uhr war alles ausverkauft. Das heißt natürlich nicht nur für den heutigen Tag, sondern auch für die kommenden drei Tage. Ok, das hatten wir nicht kommen gesehen.

ENTTÄUSCHUNG #2: Darauf erstmal einen Kaffee. Zum Glück ist Tim Hortons auch in den kanadischen Bergen nicht fern. Aus mal schnell rein und weiterfahren wurde eine dreiviertelstündige Ansteh-Orgie. Wir haben fast 30 Leute vor uns an der Kasse gezählt. Wow, hier brummt der Bär!

Jetzt aber schnell wieder los. Wir wollen Gletscher sehen! Bei Sonnenschein fuhren wir auf den Icefield Parkway. Entlang der berühmten Gletscherstraße stoppten wir bei kleinen Aussichtspunkten und besichtigten mehrere Wasserfälle.

Der Höhepunkt des Tages war der Columbia Glacier mit dem Discovery Center. Ein riesiger Parkplatz, Busse und Fähnchen schwingende Reisegruppenleiter bereiteten uns auf das Tohuwabohu vor, was uns am diesem „Dach der Welt“ erwartete.

ENTTÄUSCHUNG #3: Eigentlich war es nicht unser Ziel, aber da wir erfuhren, dass man den Gletscher auch betreten kann, waren wir angefixt. Lediglich zwei Aspekte standen dagegen: Eine riesige Schlange am Ticketschalter und die Kosten von nahezu 100 Dollar. Selbstverständlich verstehe ich, dass man mit dieser kurzen Busfahrt auch den Nationalpark unterstützt, aber 100 Dollar???

„Der Schnee sieht eh schmutzig aus, unserer Zuhause ist wenigstens sauber“, das war Argument genug. Ein kurzer Spaziergang an den Rand des Gletschers genügte für uns auch. Durchgefroren und von starken Wind durchgeblasen düsten wir nach kurzer Zeit weiter.

Wir genossen die weitere Aussicht aus dem Auto heraus und staunten, wie klein diese Gletscher doch mittlerweile sind.

ENTTÄUSCHUNG #4: Der Massentourismus am Lake Louise war keine Überraschung. Durch einen netten Zufall ergatterten wir sogar einen Parkplatz. Nach ein paar Schritten waren wir am Fairmont Chateau. Das berühmte Hotel thront über dem See und verleiht dem Ort eine klassische Atmosphäre. Auch hier drängelten wir uns durch Menschenmassen entgegen der Wanderweg um den See. In der naiven Hoffnung, die meisten Menschen wollen nur das Hotel fotografieren und weiterfahren. Wollten viele auch, aber genauso viele wanderten um die See. Also auch hier: Anstehen, nörgelnde Kinder und langsame Rentner überholen – ohne Hoffnung auf Besserung. Trotzdem bilden See, Berge, Hotel und Sonne ein schönes Ensemble und wir haben den Kurzstopp nicht bereut.

Unser Übernachtungsort Canmore dagegen war eine richtig gute Idee, wie sich spätestens am Folgetag zeigen sollte. Das kleine Touristenstädtchen liegt etwas außerhalb des Banff Nationalpark, ist dadurch etwas günstiger und weniger überrannt. Abends stand noch ein Pflichttermin an: Einmal Poutine in Kanada muss sein! In einer urigen Kneipe ließen wir den aufregenden Tag bei einem Cocktail ausklingen.

Den zweiten Tag starteten wir in der Toruistenhochburg Banff mit einem kleinen Bummel und Frühstück. Die Verbindung von Weihnachten und Bergen fasziniert mich immer wieder. Jeder Tourishop, der was auf sich hält, hat auch im Hochsommer mindestens ein Weihnachtsdekoregal

ENTTÄUSCHUNG #5: Da wir am Vortag viel gefahren waren, hatten wir uns nur ein paar kleine Ziele für den Tag gesetzt. Die Wanderung durch den Johnson Canyon sollte etwa eine Stunde dauern und nette Ausblicke bieten. Wir benötigten schon eine halbe Stunde, um von unserem Parkplatz, mitten in der Pampa am Straßenrand, zum Beginn des Wanderwegs zu kommen. Der enge, verschlungene Weg führt direkt durch den Canyon und es bot sich keine Chance jemanden zu überholen. Im Schleichtempo zuckelten wir durch den Canyon, bis die Nerven blank lagen. Eine wirklich schöne Strecke, besonders das Farbenspiel von Wasser und Sonne in der Schlucht, aber never again im Sommer!

ENTTÄUSCHUNG #6: Die sechs machen wir voll, mussten wir an diesem Punkt unbewusst gedacht haben. Bei Banff gibt es Tropfsteinhöhlen. Da wir beide sowas noch nie gesehen haben, dachten wir: einen Versuch ist es wert. Leider war Banff am Nachmittag völlig überrannt, schon im Ort standen wir im Stau und bei den Cave Basins gab es keinen Parkplatz mehr. Jetzt reicht es!

Zufällig hatte ich am Vortag „Badesee in Canmore“ gegooglt. Auf Google Maps sah es eher wie ein Tümpel aus, aber immer noch besser als Menschenmassen. Der Quarry Lake entpuppte sich überraschenderweise als kleiner Gletschersee. Vor allem Einheimische machten Picknick und baden im See. Wir suchen uns ein kleines Plätzchen am Rand, genossen die Aussicht auf die Berge – alles war friedlich und ruhig. Manchmal findet man das, was man sucht, eben doch ganz woanders als erwartet.

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