Eine Höllenfahrt durch die Wüste Arizonas

Samstag, 25. August

7.30 Uhr, Tucson, Hotelparkplatz

Quer durch den Bundesstaat Arizona bis zur glitzernden Wüstenmetropole Las Vegas fahren wir heute. Sechs Stunden Fahrt. Nur Interstates. Das sollte doch laufen.

8.55 Uhr, Phoenix, Interstate

Es gibt Städte, die sind überzeugen durch eine spannende Geschichte. Andere sind Shopping- und Partymetropolen. Manche begeistern durch eine wunderschöne Lage oder überwältigende Natur. Weitere sind bedeutende Wirtschafts- oder Wissenschaftszentren Das Gros verschwindet dagegen hinter ihrer absoluten Durchschnittlichkeit. Willkommen in Phoenix.

9.30 Uhr, Phoenix, Highway

Immer noch Phoenix. Eine Stadt, die uns gefangen nimmt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wir wechseln von Highway zu Interstate, zu Highway und immer so fort. Die Außenbezirke ziehen sich ewig hin, alle 200 Meter stoppen wir an einer Ampel.

10:10 Uhr, Phoenix, Highway

Stau. Wie überrschend.

10:45 Uhr, Phoenix, Highway

Endlich raus aus dieser Höllenstadt.

12:00 Uhr, Kingman

Endlich wieder Route 66. In Kingman manifestiert sich der Mythos um Amerikas Motherroad. In der 1930ern suchten hunderttausende heimatlos gewordene Farmer in Kalifornien ihr neues Glück. Von ihrem unfruchtbaren Boden vertrieben, zogen sie in einem schier endlosen Strom gen Westen. Auf der alten Route 66. Heute längst durch schnellere Interstates abgelöst, hat sich die Idee der glücksbringenden Straße in zahlreichen Cafés, alten Tankstellen und überteuertem Merchandise zur Straße erhalten.

 

12:30 Uhr, Kingman

Viele Amerikaner treffen wir nicht, eher deutsche Touristen. Wie wir. Der Traum des Zuges nach Westen ist schließlich auch ein ganz, ganz altes deutsches Ideal (s. Drang nach Westen). Immer inspirierend, wenn sich Ideen, die sich tief in der Geschichte vergraben wähnen, wieder nach außen kehren. Oder es stand im Reiseführer. Wahrscheinlich letzteres. Trotz Hungers meiden wir die Route 66-Merchandise-Cafés und Kneipen. 8 Dollar für ein Stück Kuchen? Im Gegensatz zu den völlig abgebrannten Oakies und Arkies reist man heute wohl mit prall gefülltem Geldbeutel auf dem alten Westernhighway.

13:45 Uhr, Interstate

Hinter Kingman gähnende Leere auf dem Highway. Ich erfülle mir einen langgehegten Traum. An einer Hillybilly-Raststelle an der Interstate essen wir einen Homemade-Carrotpie. Alles hier erinnert an einen klassischen Horrorfilm: zahnloses Hillybilly-Ehepaar, brüchige Kate mit selbstgemalten Werbeschildern, laut surrende Kühlschränke vor der Tür, weit und breit kein anderer Mensch, sengende Sonne im Zenit. Wir überleben.

15:15 Uhr, Hoover Dam, Interstate

Gleich sind wir da. Wir können die leuchtenden Schilder quasi schon sehen. Kurz vor der Abfahrt Hooverdam Stau. Wir sind hier im Nichts. Wird schon nicht so lange dauern.

15:30 Uhr, Hoover Dam, Interstate

Man trifft sich mit den Fahrern umliegender Autos und beratschlagt. Hat jemand Wifi? Weiß jemand mehr? Sagt das Radio was? Vollsperrung auf beiden Seiten. Frei nach Herr der Ringe: Ihr kommt hier nicht vorbei!

15:45 Uhr, Hoover Dam, Interstate

Die ersten versuchen es zu Fuß. Ein nicht endender Strom an Passanten zieht an unserem Auto vorbei.

16:00 Uhr, Hoover Dam, Interstate

Über 40 Grad. Wir müssen das Auto und damit die Klimaanlage ausschalten. Wer weiß, wie lange das hier dauert. Wir brauchen die Energie für die Nacht. Wir fürchten uns vor den berüchtigten, eiskalten Wüstennächten.

16:15 Uhr, Hoover Dam, Interstate

Zehn Hubschrauber erscheinen am Horizont und steuern auf den Staudamm zu. Ein Terroranschlag?

16.30 Uhr, Hoover Dam, Interstate

Nichts.

16.45 Uhr, Hoover Dam, Interstate

Der Fahrer des Wagens vor uns parkt auf der Standspur und sucht sein Heil in der Flucht.

16:50, Hoover Dam, Interstate

Halleluja! Autos auf der Gegenfahrbahn. Bei uns: tote Hose

17:15 Uhr, Intersate

Endlich geht es weiter. Auf eine Besichtigung des Hoover Dams verzichten wir. Aus Rache. Was war passiert? Im Internet erfahren wir später, dass es einen Verdacht auf Selbstmord gab. Wenig lustig für alle Beteiligten und Stakeholder (uns).

18:00 Uhr, Las Vegas, Interstate

Viva Las Vegas! Die Megametropole erscheint wie eine Fata Morgana in der unwirtlich-braungrauen Mondlandschaft, die sie umgibt. Die ersten Siedler wären wahrscheinlich hintenrum gefallen, wüssten sie, was man hundert Jahre später aus dem scheinbar toten Ort noch herausholen würde. Money Money Money.

18:45 Uhr, Las Vegas, Tuscany

Eine ganze Suite nur für uns. So reisen Könige.

19:00 Uhr, Las Vegas, Tuscany

Eine halbe Stunde um Centbeträge gespielt. Das mit diesen Casinos hatte ich mir irgendwie aufregender vorgestellt. Mega fail.

20:20 Uhr, Las Vegas, Tuscany

Mein Abendessen: ein Riesenrippchen, einmal normale Pommes, einmal Süßkartoffelpommes. Die Bilanz: Magen verdorben. Schon Muttern warnte: wenn die Augen größer sind als der Magen.

 

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