Der Untergrund von Seattle – eine *Scheiß*Geschichte

Die Gegend um den Pioneer Square lädt dazu ein, Seattles Geschichte genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir buchten – ohne zu wissen, was uns erwarten würde – eine Underground-Tour. Nun lernten wir die wirklich einzigartige Vergangenheit der Stadt kennen, die sich ohne Erklärungen wie ein schlechter Witz anhört:

Die ersten Siedler in Seattle siedelten direkt am Wasser in den nassen Sümpfen. Soweit so wenig clever. Denn die Nässe sorgte nicht nur für klamme Füße, sondern brachte auch einige Krankheiten mit sich.

Durch Handel gefördert wuchs die Stadt rasch an. Nun trat ein für die kommenden Jahre prägendes Problem auf: In der schlammigen Gegend fehlte ein Abwassersystem. Die Bewohner wateten quasi auf der Straße in der eigenen Scheiße.

Das älteste Geschäft von Seattle

Kein Problem, dachten sich die findigen Seattler, kaufen wir doch einfach für jeden Haushalt eine von diesen modernen Toiletten. Gedacht, getan. Seltsam, hörte man es nun raunen, so wirklich funktioniert das auch nicht.

Eine dieser modernen Toiletten. Bis heute erhalten

Endlich meldete sich ein findiger Mitbürger mit technischem Verstand: Wir brauchen auch ein System von Abwasserrohren! Und zugleich hatte er eine perfekte Lösung. Seattle sollte endlich in der Moderne ankommen.

Aber pass auf, wem du vertraust! Der windige Geschäftsmann hatte wahrscheinlich nicht mehr als von einem Abwasserrohrsystem gehört. Kennen konnte er das, was er da baute nicht. In einer stürmischen Nacht drückte die Flut in die Bucht und sämtliche Toiletten quollen über.

Wer etwas auf sich hielt, war längst in die Hügel oberhalb der sumpfigen Bucht gezogen. Die bessere Gesellschaft blickt also kopfschüttelnd auf das Elend in Downtown. Da sich dort aber der Geschäftsbetrieb sammelte, galt es eine neue Lösung zu finden.

Downtown im 19. Jahrhundert

Die Lösung, die nun gefunden und ernsthaft umgesetzt werden sollte, kann man nur als verrückt bezeichnen. Zufällig hatte es vor Kurzem im ohnehin gebeutelten Downtown einen Brand gegeben. Die Bewohner wurden also angehalten, die Haustüren ihrer neuen Häuser im ersten Stock zu platzieren.

Wie kam es zu dieser Anweisung? Der Stadtrat hatte beschlossen, dass die gesamte Stadt um mehrere Meter angehoben wird. Und dies sollte nicht durch Auffüllen des Bodens geschehen. Man bockte die Straßen vier Meter auf und erklärte dies zum Bodenniveau.

Die Bewohner hatten ihre Häuser aufzuschließen. Und man mag es kaum glauben, es funktionierte! Vorerst entstanden Gräben zwischen Häusern und Straßen, die teilweise durch Leitern durchklettert werden mussten.

Heute unter der Erde – das ursprüngliche Bodenniveau von Seattle.

Auch die geschäftliche Unterwelt war begeistert. In den Gewölben unter der Stadt blühte Prostitution und Korruption. Bisweilen stürzten ein paar Betrunkene in die vier Meter tiefen Schluchten, aber ein wenig Verlust ist immer.

Was lernt man aus dieser Geschichte? Ich weiß ich auch nicht. Da war wohl mehr Glück als Verstand im Spiel. Vielleicht trampelt man heute zu Recht darauf rum.

Der Pioneer Spare. Die Pioneers schlenderten eher vier Meter weiter unten.

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