Der Himmel so weit in Montana

Während das ganze Land auf dem Sprung ist, immer weiter will, sind die Menschen in Montana angekommen. Standhaft wie die Berge, dem eisigen Wintern trotzend, führen die amerikanischen Nordlinge in hartes Leben an der kanadischen Grenze. So oder so ähnlich beschrieb John Steinbeck den Bundesstaat in den 1960er Jahren.

Es wundert nicht, dass der berühmte Romancier bei seiner Leibschau durch seine amerikanische Heimat in der rauen Landschaft einen Anker fand. Montana ist anders.

Damals wie heute trotzen die Menschen der unbarmherzigen Witterung und unfruchtbaren Böden. Vor der atemberaubenden Kulisse nordischer Wälder und eisbedeckter Berge führen sie ein einsames Leben, oft hunderte Kilometer vom Nachbarn entfernt, im ewigen Kampf mit der Natur.  

Auch ich habe hier mein Herz verloren. An die überwältigenden Berge und Täler des Glacier Nationalparks, an Geisterstädte, eine Geschichte der Entbehrung konservierend, an die Menschen, rau wie die Landschaft.

 

Glacier Nationalpark

Die für den Nationalpark namensgebenden Gletscher haben seit Steinbecks Zeiten durch den Klimawandel sicher einiges an Eindrücklichkeit verloren. Die Schönheit der Berge dagegen nicht. Die Going-to-the-sun-Road schmiegt sich an Berghänge, führt mal an Tälern vorbei, mal durch in Stein geschlagene Tunnel hindurch.

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Wegen seiner Ursprünglichkeit werden auf Grundlage von Daten dieses Parks Klimaprognosen erstellt. Waldbrände sind ein natürlicher, die Natur bereinigender Vorgang.

Schwarz verbrannte Baumstämme zählen ebenso zum Bild des Parks wie frisch neu gedeihende Jungforste und akut aufflammende Waldbrände. Bei einer Bootstour auf dem Lake Donald am Westende des Parks stiegen die Flammen soweit empor, dass wie sie vom See aus erblicken konnten.

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Garnet Ghosttown

Es gab eine Zeit, als die einsame Wildnis von Montana nicht mehr so einsam war. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Gold gefunden. Und alle Welt machte sich auf den neuen Kontinent auf der Suche nach Reichtum zu erkunden. Ein Mahnmal an die Vergänglichkeit des Goldrushs ist die Geisterstadt Garnet. Im Nichts mitten in der kahlen Steppe gelegen lebten auf dem toten Berg einst über 10000 Menschen.

 

Noch heute ist der Weg dorthin beschwerlich. Neun Meilen führt die Schottenstraße bergauf durch nicht gehegten Wald. Am Wegesrand liegen drei verlorene Gräber. Grabsteine aus Holz verraten die Namen dreier Abenteurer, deren Schicksal in Vergessenheit geriet.

Aus dem Nichts taucht am Ende der Straße die Geisterstadt auf. Nach einem Brand in den 30er Jahren lebte nur noch ein Bruchteil der einst stolzen Bevölkerungsanzahl auf dem einsamen Berg. Nur eine Hand voll Häuser blieb vom Brand verschont.

An keiner anderen Stelle in den USA habe ich die Geschichte so intensiv wahrgenommen. Wenige Hinweisschilder erzählen von den Bewohnern und der Funktion der Häuser. Wir schlendern durch das Gelände und entdecken selbst.

Der örtliche Geschichtsverein widmet sich der Instandhaltung des Geländes. Relikte aller Epochen der Stadt sind wild durcheinandergeworfen. Geschichte als Prozess, Generationen greifen ineinander, nutzen Altes, lernen Neues – so hat Geschichte wirklich stattgefunden. In den kleinen Blockhütten liegt viel mehr Authentizität als in sklavisch epochengerecht aufbereiteten Denkmälern.

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Grant-Kohrs-Ranch 

Die Weitläufigkeit der steppenartigen Landschaft zwingt die Menschen in anderen Dimensionen zu denken. Farmen verfügen über hunderte Quadratkilometer Land, nur um überleben zu können. Der karge Boden kann den Hunger der Rinder kaum decken.

Man brauchte Cowboys, die das Vieh weit trieben, um es auf den trockenen Ebenen grasen zu lassen. Tagelang ritten die Westernhelden mit ihren Hundertschaften an Rindern durch das Land und nährten die Legenden des Lonesome Riders. Eine der bekanntesten Großfarmen Montanas war die Grant-Kohrs-Ranch in Deer Lodge.

Das weitgehend authentisch erhaltene Gelände wurde um die Jahrtausendwende  vom Staat aufgekauft und als Museumsdorf inszeniert. Vom Glücklosen Trapper Johnny Grant erbaut, erwarb der Norddeutsche Conrad Kohrs 1865 die kleine Ranch und baute sie zu einer riesigen Rinderfarm auf.

Kohrs und seine Cowboys zogen hier die im Süden gezüchteten Rinder groß, ließen sie sich ein paar Sommer auf den endlosen Weiten fett fressen und schickten sie dann über den Farmeigenen Bahnanschluss in die Schlachthäuser Chicagos. So machte man in Montana im 19. Jahrhundert Geld.

Eine kostenlose Führung durch das für damalige Verhältnisse eindrucksvolle Farmhaus zeugt von dem mondänen Lebensstil der Familie Kohrs. Selfmademan Conrad heiratete spät eine deutlich jüngere Frau, die sich dem harten Grenzerleben mit Tatkraft entgegenstellte. Sophie kam direkt aus Deutschland und war für ein geruhsames Leben als Bürgerliche erzogen.

Beim Anblick von Bettwanzen und  verlausten Cowboys krempelte sie am ersten Tag ihrer Ankunft die Ärmel hoch und sie blieben für den Rest ihres Lebens oben. Sophie brachte das, was man damals unter Kultur verstand, auf die Farm. Die Kinder erhielten Musikunterricht, wurden zwecks Bildung auf Reisen geschickt und eine Bibliothek erhielt Einzug in das Haus. Eine eindrucksvolle Frau, die ihr hartes Schicksal in der Wildnis nahm, und deren Tagebücher leider nicht erhalten sind. 

Das Gelände der Farm zeugt von einem regen Betrieb. In der Schmiede glimmt auch heute die Glut. Hufeisen, Nägel, kleine Reparaturen werden von der ausgebildeten Schmiedin, die uns sogleich vom Alltag des Farmlebens erzählt, angefertigt.

Ein Planwagen erzählt die Geschichte der Cowboys-Trails. Wochenlang ritten sie durch die Prärie auf der Suche nach neuen Weideplätzen. Der Planwagenfahrer war immer ganz vorn mit dabei und wartete mit frischem Kaffee und einer heißen Suppe. Wir durften den legendären starken Cowboykaffee kosten – für die europäische Zunge eher sanft. Vielleicht sind sie doch gar nicht so hart, diese Grenzbewohner im Himmelsstaat.

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