Zu Gast bei Graf Exzentrik- Iserhatsche, das norddeutsche Neuschwanstein

Neuschwanstein ist das Schmuckstück der deutschen Schlösserromantik. Leider ist es für einen Norddeutschen nur mit großem Reiseaufwand zu erreichen. Aber wer will schon in die Ferne schweifen, wenn das Gute ist so nah? Warum nicht einmal das inoffizielle Neuschwanstein Norddeutschlands in der pittoresken Einöde der Lüneburger Heide besuchen?

 

20161031_123517

 

Wer das bauliche Lebenswerk eines leicht verschrobenen Berliner Burgenenthusiasten im beschaulichen Bispingen einmal erblickt hat, wird dieses wie sein bayrisches Pendant garantiert nie wieder vergessen.

Das historische Durcheinander aus goldenen Gesellschaftszimmern, mit Geweihen verzierten Jagdzimmern in Eiche rustikal und modernen Accessoires im Jadgschloss wirken wie das Ergebnis eines Kreativ-Proseminars von Harald Glööckler, Prinz Frederic von Anhalt und Gloria von Thurn und Taxis. Leider ist es nicht gestattet in dem Schloss zu fotografieren, denn der Graf Exzentrik wohnt aktuell in den Räumlichkeiten durch die täglich Touristenmassen stapfen.

 

20161031_120902

 

Viele Gäste mögen nach der Besichtigung des historischen Schlosses glauben, sie hätten alles wichtige in Iserhatsche gesehen. Weit gefehlt! Das Jagdschloss mit dem Sitzsarg für den Eigentümer, welcher jedes Jahr bei einem riesigen Buhei schon einmal probegelegen wird, und der liebevoll arrangierte Teppich aus D-Mark-Münzen sind nur der Anfang.

 

Der größte philosophische Barocke Eisengarten Europas

Zunächst lernten wir den „größten und sehenswertesten philosophischen Barocken Eisenpark Europas“ kennen. Böse Zungen, die behaupten es sei auch der einzige, dürften bei den erhebenden und sinnstiftenden Zitaten großer Philosophen, die den Garten zieren, verstimmen.

 

20161031_123733

 

20161031_124137

 

20161031_124249

 

Als großer Anhänger des alten Fritz hatte der Burgherr (beruflich Malermeister und Restaurator) die Fassade von Sanssouci für den symbolischen Wert von einer Mark restauriert.

Eine Mark? Richtig gehört, der überzeugte Preuße und D-Mark-Fan hatte seinerzeit im Jahr 2002 bei einer – laut eigenen Angaben – international beachteten PR-Aktion im Heidestädtchen Gifhorn die D-Mark bei einem spektakulären Trauerzug zu Grabe getragen.

 

20161031_134342

 

Endlich: Das Neuschwanstein Norddeutschlands

Nach einem kleinen Bogen um den Park erwartete uns endlich der lang ersehnte Augenöffner: Das selbsternannte Norddeutsche Neuschwanstein. Das heißt über einem kleinen See strebt ein aus Pappmachee-artigem Material erbautes, schlossartiges Gebilde in Schlammtönen gen Himmel. Bekrönt wird der höchste Turm des Bauwerks von einem legendären Feuer.

 

20161031_135210

 

Kaum konnten wir uns von diesem überwältigenden Anblick erholen, als wir uns auch schon mitten in dem bienenstockartigen Interieur des „Schlosses“ widerfanden. Wie ein modernes Sodom und Gomorrha sind die Räumlichkeiten vom Keller bis zum Giebel auf Vergnüglichkeiten ausgerichtet. 

Gruselige Hexen und eine Nebelmaschine sorgen in der Kellerhöhle für die richtige Stimmung. Für den Fall, dass einer der Besucher sich selbst so eine geile Höhle bauen möchte, hat der Burgherr vorgesorgt. Eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Bauanleitung für die private Lustgrotte ist Teil jeder Führung. Was für ein Service!

 

20161031_130412

 

Über das kreisrunde Trauzimmer schritten wir in den gewaltigen Empfangssaal „Sala de Monte“, den großen Stolz des Hausherren.

Sätze können nicht beschreiben, welche Pracht und was für ein Glanz uns nun erwartete. Ein ovaler Speisesaal mit vergoldetem Mobiliar umkrönt von einer gold- und edelsteinbesetzte Empore. Höhere Mächte, durch geschmackvoll-realitätsnahe Gemälde mit Bibelszenen repräsentiert, schützen dieses Kleinod der Geschmacklosigkeit.

Überdrüssig der dekadenten Opulenz wurden die Toiletten im antiken Stil zu unseren nächsten Highlight.

 

20161031_130510

 

„Der Berg der Sammelleidenschaft“

Nichts hätte uns besser auf das vorbereiten können, was uns nun im Herzen des Schlosses erwartete. Weit über die Grenzen der Region hinaus ist der Burgherr als großer Sammler und Mäzen bekannt.

Anders als in Neuschwanstein oder Sanssouci handelt es sich weder um historische Skulpturen- oder Gemäldeschätze, sondern um Gegenstände des lebendigen Alltags. Genauer gesagt: Alles, was der moderne Messi so auf dem Dachboden hortet.

Der Montagnetto oder „Berg der Sammelleidenschaft“ wird seinem Namen in jeder Hinsicht gerecht. Neben der weltgrößten Bierflaschensammlung und einer Sammlung von 250 000 Streichholzschachteln wird hier alles gehortet, was nicht niet- und nagelfest ist.

 

 

Die liebevoll arrangierten Räume reihen sich schier unendlich aneinander. Nun habe ich am eigenen Leib erfahren, wie sich die Gefährten in Moria gefühlt haben müssen.

Nicht zuletzt gelangten wir über die ArAchnerie mit ihrer Helene Fischer-Fotostation und der rühmlichen Gießkannensammlung wieder ans Tageslicht.

 

20161031_130621

 

Nun dürfte auch dem letzten Zweifler klar sein, dass Iserhatsche vielleicht nicht das Neuschwanstein Norddeutschlands und sicher nicht das Paradies auf Erden aber zweifelsohne ein eindrucksvoller Ort voller Überraschungen ist!

 

20161031_135649

Kommentar verfassen