Das ruhige Leben an der kanadischen Grenze

Auch in Kanada gibt es das Leben abseits. Abseits der Berge, abseits bezaubernder Seen und abseits des touristischen Interesses. Das wurde uns spätestens klar, als wir auf eine schier endlos wirkende Mauer aus Fertighausfronten zufuhren. In Calgary lebt man abseits der Postkartenmotive.

Die – laut Wikipedia – „kosmopolitische Großstadt mit zahlreichen Wolkenkratzern“ empfängt ihre Besucher nicht gerade von der Schokoladenseite. Auch die Landschaft – nur ein paar Kilometer vom Banff Nationalpark entfernt – ist eher braun. Braune Steppe und endlose Weite.

Da ich überzeugt bin, dass die langweiligsten Landschaften oft die spannendsten Geschichten erzählen, ließen wir uns von dem kosmopolitischen Quatsch nicht in die Irre leiten. Im „Heritage Village“ wollten wir in den alten Westen eintauchen, die Zeit der Cowboys und Siedlerzüge. Warum haben die Siedler sich genau an dieser öden Stelle niedergelassen, die auf den ersten Blick so ganz und gar unattraktiv wirkt?

Wir suchten die Antwort in dem weitläufigen Histotainmentpark „Heritage Village“ inmitten Calgarys. Cowboys, Farmer, Stadtbewohner und Ureinwohner lebten dort wie im Jahre 1915. Die heutige Großstadt wurde im 19. Jahrhundert am Bow River gegründet. Die Bisonjagd zog Abenteurer und erste Siedler in die Gegend. Mit dem Eisenbahnanschluss wuchs die Stadt zum Zentrum einer der größten Rinderzuchtgebiete Kanadas.

Erst in den 40er Jahren entdeckte man reiche Ölvorkommen in der Gegend. Die Entdeckungen sollten die Stadt und deren industrielle Ausrichtung bis heute deutlich sichtbar prägen. Aber 1915 lebte es sich noch ganz possierlich im beschaulichen Calgary.

Der noch ahnungslose Besucher wird von der lustig pfeifenden Dampflock begrüßt, die im Schritttempo durch den Park zuckelt. Karussell, Schotten-Dudelsack-Parade, Schauspieleinlagen – die Kanadier lassen Geschichte lebendig werden. Die nachgebaute Stadt mit zahlreichen Wohn- und Geschäftshäusern lädt zum Entdecken ein.

Etwas abseits liegt eine Rinderfarm mit großem Farmhaus und Ställen. Ein paar halbherzig dazugestellte Tipis deuten auf die Indianer hin, die vor den weißen Siedlern die Gegend bevölkerten, und ein hölzernes Fort rundet das Arrangement ab. Wie in allen Histortainment-Anlagen steht der Spaß im Vordergrund und der Lerneffekt ist maximal nettes Beiwerk. Trotzdem Daumen hoch für den schönen Nachmittag.

Durch weitläufige Weizenfelder und endlose Steppen fuhren wir auf einsamen Straßen nach Süden gen US-amerikanische Grenze. Im Städtchen Fort McLeod nächtigten wir vor unserem Grenzübergang am kommenden Tag.

 

Die Kleinstadt verfiel nach einem Boom Anfang des 20. Jahrhunderts in einen tiefen Schlaf aus dem es bis heute kaum erwacht ist. In seiner Zeit als Standort der North-West Mounted Police siedelten sich Siedler und Farmer um das alte Fort an. Bis heute zeugen die für damalige Verhältnisse beeindruckenden Backsteinbauten von der glorreichen Vergangenheit. Wie unter einer Glaskuppel sind die historischen Bauten konserviert.

Solche kleinen Entdeckungen werfen oftmals ein viel eindrucksvolleres Bild auf die Vergangenheit als die groß inszenierte Geschichte in vielfach plattgetrampelten und häppchenweise servierten Touristenmagneten. Authentizität lässt eben doch nicht konstruieren!

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