Aufbruch in eine neue Welt – Auswandererhaus Bremerhaven 2015

Auf der Weiterreise von Borkum nach Kiel machte ich einen kurzen Zwischenstopp in Bremerhaven bei meiner Nordtour 2015. Bereits zum dritten Mal war ich in der charmanten Küstenstadt zu Besuch.

Ein paar Eindrücke von meiner Sightseeing-Tour im Oktober 2014 findet ihr hier

 

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Dieses Mal stand aber nur ein Ziel auf meiner Liste: Das Auswandererhaus. Weit über die Grenzen der Stadt hinaus ist die kreativ gestaltete Ausstellung bekannt und wurde mir von vielen Seiten empfohlen.

Der moderne Bau liegt direkt am Wasser, fußläufig zu den anderen Attraktionen Bremerhavens, wie dem Zoo am Meer und dem Klimahaus. Nach der langen Autofahrt gönnte ich mir aber erst einmal eine Stärkung im Museumscafé mit Blick auf den Hafen.

 

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An der Kasse bekam ich meine Eintrittskarte und eine Chipkarte. Für die Dauer des Besuchs nahm ich die Identität der historisch belegten Auswanderin Matha Hüner an. Im zweiten Teil der Schau war ich die Einwanderin Mai Phuong Kollath. Die freundliche Kassenkraft erläuterte mir kurz das Ausstellungskonzept und begleitete mich zum Eingang – wow, was für ein Service!

Da ich relativ spät kam, schenkte er mir sogar einen Button mit dem ich kostenfrei in der Ausstellung fotografieren durfte.

 

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Mithilfe meiner Chipkarte kam ich in den ersten Raum, der der Wartehalle der dritten Klasse für die Überfahrt nach Amerika im Bremerhaven des 19. Jahrhundert nachempfunden war. Nachdem die Tür automatisch geschlossen wurde, war ich für einen kurzen Moment gefangen und lauschte dem Einführungstext.

Danach öffnete sich die Tür und der nächste Raum konnte betreten werden. Hier öffnete sich ein ganz unerwartetes Panorama: Die Nachempfindung einer Verabschiedungsszene am Schiff. Die riesige Installation war in einer etwa 10 Meter hohen Halle untergebracht (leider sind die Bilder etwas unscharf)

 

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Liebevoll bis ins kleinste Detail gestaltet, konnte man den Hafen, das Gepäck und die Reisenden erkunden.

Die Inszenierung der Schau sieht vor, dass die Museumsbesucher das „Auswandern“ selbst nacherleben können. Unterstützt wird das Erleben durch große Installationen, wie dem Auswandererhafen, dem Schiffsinneren und dem Bahnhof am Ankunftsort. Kommt einfach mit auf meine Reise nach Amerika als Martha Hüner!

 

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Nach der Hafenszene kam ich einen Raum, der einer großen Bibliothek nachempfunden war. Mithilfe meiner Informationen und der Chipkarte suchte ich in dem Archiv nach  Martha Hüner.

Eine Sprachmuschel verriet mir, dass Martha in den 1920er Jahren auswanderte. Ihre Eltern erhofften sich ein besseres Schicksal für sie in der Neuen Welt. Als Erinnerungsstück gab der Vater ihr eine Pferdebürste mit. Diese stammte aus einer Zeit, als die Familie noch Haus und Hof besaß und sich ein Pferd leisten konnte.

 

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Nachdem ich herausgefunden hatte, was es mit Martha auf sich hatte, ging es spannend weiter. Zurück in dem ersten Raum mit der großen Installation der Verabschiedungsszene am Hafen, stand ich nun nicht mehr unter denen, die Abschied nahmen, sondern betrat die Treppe auf das Schiff.

 

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Die nächsten Räume waren wie ein Schiffsbauch gestaltet, die ich als Gast erkunden konnte. Martha reiste natürlich dritter Klasse.

 

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Ich habe mir aber auch einmal erlaubt in der ersten Klasse vorbeizuschauen. Dort gab es sogar kleine Fenster! Die Puppen trugen viel zum Nachempfinden der Szenerie bei. Manchmal war es aber – besonders in dem Speisesaal – etwas gruselig, wenn sich Museumsbesucher zwischen die Puppen setzten und sich auf einmal bewegten 😯

 

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Kaum in Amerika angekommen, sah ich erst einmal Gitter. Für Menschen der Dritten Klasse war dies das normale Procedere. In Ellis Island musste jeder Einwanderer einen Check bestehen, bevor er einwandern durfte.

An Medienstationen konnte ich als Museumsbesucher auch den Einwanderungstest machen – und bin glatt durchgerasselt. Als Bafögempfanger im Studium habe ich Sozialleistungen vom Staat bekommen und bin damit eine Gefahr als Sozialschmarotzer 🙂

 

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Egal, Martha Hüner hatte es wohl geschafft und ich durfte weiterziehen. Aber wo reisten die meisten deutschen Einwanderer in den USA eigentlich hin? Eine große Karte zeigt, dass sie sich vor allem im Norden ansiedelten. Bis in die 1910er Jahre waren die Deutschen die Bevölkerungsstärke Einwanderergruppe in den USA.

 

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Viele Einwanderer waren in New York nur auf der Weitereise in andere Staaten und Städte Amerikas. Also erwartet mich noch eine weitere große Installation. Der elegante New Yorker Bahnhof stand im starken Kontrast zu der eher dunkel gehaltenen Verabschiedungsszene am Bremerhavener Hafen am Anfang der Ausstellung.

 

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Hier konnte ich dann auch das Schicksal von Martha Hüner aufklären. Sie reiste zu Bekannten und kam später als Hausmädchen unter. Sie heiratete einen Bäcker, aber das Ehepaar blieb kinderlos. Nachdem ihr Mann früh verstarb, arbeitete Martha, um über die Runden zu kommen, wieder als Haushaltshilfe bei einer reichen Familie in der Nachbarschaft.

Selbst wurde sie nie reich. Oft reiste sie nach Deutschland zurück und besuchte ihre Familie. Von schwerer Krankheit gezeichnet, kehrte sie kurz vor ihrem Tode im Jahr 1984 wieder in ihre Heimat Deutschland zurück.

 

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Die beeindruckende Schau endet mit einem Ausblick auf die Geschichte der deutscher Einwanderer in den USA. Manche gründeten Unternehmen, heirateten oder kehrte erfolglos zurück.

 

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An dieser Stelle öffnet das Museum ein zweites Kapitel: Die Geschichte der Einwanderer in Deutschland

Viele bringen diesen Teil der Deutschen Geschichte mit aktuellen Ereignissen in Verbindung. Die Ausstellung konzentriert sich aber vor allem auf die frühen Jahre der Bundesrepublik.

 

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Auch hier sind die Installationen beeindruckend. Anhand verschiedener Ladengeschäfte aus den 50er und 60er Jahren zeigt die Ausstellung, dass Einwanderer ein natürlicher Teil der Gesellschaft sind und einen wichtigen Beitrag leisten.

Leider kam der inhaltliche Teil der Schau in diesem zweiten Bereich etwas zu kurz. Nur sehr wenige Texte erläutern, worum es den Ausstellungsmachern eigentlich geht. Die Installationen, zu denen auch Büroräume der deutschen Einwanderungsbehörde und ein Kino zählen, sind sehr beeindruckend und detailverliebt gestaltet, doch tritt die Informationsvermittllung bei diesem aktuell doch sehr sensiblen Thema leider in den Hintergrund.

 

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Die Geschichte der vietnamesischen Einwanderin Mai Phuong Kollath konnte mich leider auch nicht so sehr fesseln. Lediglich ein Fotoalbum erzählte mir ihre bewegende Geschichte.

Sie wanderte in den 1980er Jahren aus, arbeitete in Bremerhaven am Hafen  und lebt bis heute hier.

 

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Der Besuch im Bremerhavener Auswandererhaus war interessant und kurzweilig. Die ungewöhnliche Präsentationsart ist sehr nah am Besucher und lädt zum spontanen Entdecken und Ausprobieren ein. An vielen Stellen gibt es kleine Fenster zum Öffnen und Türen, hinter denen sich Informationen verstecken.

Mein Besuch hat eineinhalb Stunden gedauert, aber ich hätte dort noch viel mehr Zeit verbringen können bzw. müssen, um alle kleinen versteckten Ideen und Hinweise zu finden. Das Auswandererhaus ist auf jeden Fall einen Besuch wert und ich kann allen – vor allem auch Museumsmuffeln – nur empfehlen die Schau zu besuchen!

 

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