Abenteuer Nacktbadestrand

Wir befinden uns im Jahr 2018. Ganz Lanzarote ist von winterflüchtigen Strandurlaubern besetzt … Ganz Lanzarote? Nein! Ein von unbeugsamen Nudisten bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem touristischen Mainstream Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die mit Bikini und Badehose bekleideten Beachliebhaber, die sich in das kleine Dorf Charco del Palo verirren…

Wir waren gekommen, um Sonne und Strand zu tanken. Wir entdeckten Charco del Palo. Wir blieben. Ich möchte nun erzählen von dem Deutschesten aller meiner deutschen Urlaube!

Zufällig entdeckte ich das kleinbürgerliche Küstenparadies bei meiner ersten Joggingrunde durch den Norden der Kanareninsel Lanzarote. Für die kommenden sechs Urlaubstage marschierten wir nun jeden Morgen zwei Kilometer von unserer Unterkunft pflichtbewusst zum Nacktbadestrand zum Apell. Wir waren Teil einer Gemeinschaft geworden, das zieht Verpflichtungen mit sich!

In der, in den schwarzen, kantigen Stein geschlagenen Tribüne um das Naturwasserbecken vollzog sich jeden Tag dasselbe Ritual:

Früh morgens gegen acht Uhr begann das Schauspiel. Die ersten Gäste treten auf und nehmen wie selbstverständlich die Poleposition ein. Auf den ersten Stufen, direkt an der Waterkant, den noch frischen Temperaturen nackt trotzend, markiert der FKK-Ältestenrat sein Territorium mit Klappstühlen und Minigrill. Wer hier residiert, ist schon mindestens seit 30 Jahren jeden Winter in Charco del Palo. Die Reservierung eher eine liebgewonnen Tradition. Niemand würde es wagen diesen Alphatieren unter den Freikörperfans ihren Platz streitig zu machen.

Das Zeremoniell verlangt es nun, dass die zweite Liga der FKKler sich in den Rängen über den seniores einfindet. Platz für Klappstühle und Liegen ist hier nicht. Ein wenig Sand schützt vor dem messerscharfen Vulkangestein. Es gilt das alte deutsche Sprichwort: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Wer früh einkehrt, ergattert sich einen Steinkreis. Bis zu drei Personen finden in den mit weichem Sand gefüllten und von einer Lavasteinmauer umgebenen Kompartiments Platz und Schutz.

Mir schien es, die Nähe zum Wasser bestimme den Rang innerhalb der Gemeinschaft. Wir thronten in äußerster Höhe, weit weg vom Stamm der Ältesten. Toleriert, aber lange nicht akzeptiert überblickten wir das Panorama.

Der Tagesablauf war klaren Regeln unterlegen. Es galt die anerkannte, seit Jahren erprobte Badezeit einzuhalten. Bei Ebbe bot das Naturbecken kaum mehr als eine Pfütze Wasser zum Planschen. Aber wenn gegen Mittag die Flut einbrach, hatte man sich im Becken einzufinden. Unter den strengen Augen des Dorfmajestix wurde geschwommen. Und zwar in der Mitte, nicht zu nah an den Klippen und mit gebührend Abstand zu den Mitnacktbadenden. Mit einem Feldstecher kontrollierte der selbsternannte Häuptling des Standnudistenclans sein Volk. Wer ausscherte, wurde scharf zurechtgewiesen.

Nicht nur einmal beobachteten wir ein unerfahrenes Greenhorn im Becken zu nahe an den lebensgefährlichen Steinen schwimmend. Wüst schimpfend erhob sich dann der greise Silversurfer aus seinem versteckten Steinkreis, seine Schäfchen vor den Gefahren des Naturschwimmbeckens zu warnen: „In 50 Jahren habe ich hier schon einiges gesehen! Das können Sie sich gar nicht vorstellen.“ Befürchtungen, das Schlimmste könnte eintreten, wurden geäußert: „Noch näher dran, und in drei Tagen fischen sie dich in Fuerteventura vom Strand.“ Das Publikum auf der Tribüne reagierte gelangweilt, der Beschimpfte erschrocken folgend oder stur ignorierend.

Einzig die Wellen vermochten etwas Unruhe in das friedliche Beisammensein bringen. Die, mit dem Mix der coolsten Tattootrends der letzten Jahrzehnte gepimpten Silbernacken und ihre an den ungewöhnlichsten Stellen gepiercten Bestager-Damen erlebten auf ihren Premiumplätzen in der ersten Reihe ein vorher nie dagewesenes Naturschauspiel. Denn der Wind „ist sehr stark dieses Jahr“. Und wer sich seiner Position zu sicher ist, dem macht das Schicksal einen Strich durch die Rechnung.

Als eines schönen Tages die Sonne von Himmel brannte und eine ungewöhnlich starke Flut in das Becken drang, erklomm einen kleine vorwitzige Welle flux die erste Stufe der Tribüne. Ach, das Drama war groß: die Welle zog liebevoll arrangierte Liegematten, Mülltüten und bis an den Rand gefüllte Coffee-to-go-Becher gnadenlos mit sich in das Wasser. Und die schöne kleine Welt geriet für kurze Zeit in Hektik. Wie in einem wild gewordenen Ameisenhaufen geriet die träge Masse, zu retten, was noch zu retten ist, in Bewegung. So schnell wie die Aufregung entstand, so wurde es auch wieder friedlich.

Doch der nächste Störenfried nahte schon. Ein spanisches Ehepaar im besten Alter erreichte mit irritierten Blicken unser Nacktenkolosseum. Schüchtern verkrochen sie sich in einem abgelegenen Steinkreis. Mein mittlerweile geprüfter Blick erkannte sofort: Stoffhose und Karopulli verirren sich nur selten an diesen Ort. Und so begafften die Nacken die angezogenen Neuankömmlinge wie Kinder die Affen im Zoo. Denn eines habe ich in meiner Probewoche am Nacktbadestrand gelernt: Ob dick, dünn, hager, mit oder ohne Tattoos, mit Piercing oder spießigem Anglerhut, alles wird toleriert, nur keine Bekleidung.

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